Freitag, 26. Dezember 2008

Rwanda -Teil 2

Nun also der 2te Teil meines 1000Km-Kurztrips... Kigali, Rwanda. [Hier Teil 1]

Völkermord.


Völkermord. Genozid.
Nicht ein Mord, sondern zehn mal hundertausendmal ein Mord. Zehn Mal Hundertausendmal ein Menschenleben ausgelöscht, Familien ausgelöscht, Existenzen zerstört. Warum? Weil irgendwann irgendwelche dummen Belgier meinten, anhand von Maßen bestimmen zu können, wer zu der Elite-Rasse gehörte...
Rwandesen haben nicht in Völkerkategorien gedacht.
Weder vorletztes noch letztes Jahrhundert. Doch sie wurden dazu gebracht, so zu denken. Nach der Einteilung der Belgier gab und gibt es 3 Gruppen: Wahutu (Ackerbauern), Watutsi (Viehzüchter), Watwa (Jäger und Sammler)... die Watwa blieben weitestgehend verschont (so denn überhaupt irgendeine Familie verschont blieb...) Tutsis waren die herrschende Macht geworden und Hutus waren die Unterdrückten, wenn man es denn platt in Kategorien einteilen will.

"Zu den folgenreichsten Administrativmaßnahmen der Belgier gehörte 1933/34 die Ausstellung von Ausweispapieren im Gefolge einer Volkszählung. Diese Dokumente fixierten die ethnische Zugehörigkeit jedes Einzelnen, er war nun Twa, Hutu oder Tutsi. Die ethnische Zuordnung aller Ruander war fortan in Verwaltungsregistern festgeschrieben. Die Unterscheidung der Menschen nach sozialem Status und wirtschaftlichen Aktivitäten wurde biologisiert und damit zu einer nach Rassen."
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_in_Ruanda

Rwanda ein Land voller Überlebende -Täter und Opfer. Es war grausam. Über 80% der Tutsis wurden getötet, 800.000 bis 1.000.000 Menschen in 100 Tagen. 250-500.000 Frauen wurden Opfer von Vergewaltigungen. viele wurden 1-2% wurden daraus schwanger und ein nicht aus zu machender prozentsatz wurde dadurch mit HIV infiziert.
Ich war an Gedenkstätten in Rwanda und kenne Menschen, deren Familien zu über 90% ausgerottet wurden. Ich habe Alex kennengelernt. Ein junger Mann, der mit mir im selben Bus saß und der mit mir die Gedenkstätte in Gisozi besuchte.
Er war dabei, als sie in einer Kirche Zuflucht gesucht haben und diese anschließend gestürmt und Tausende Tutsis abgeschlachtet wurden. neben ihm sein vater und seine Geschwister, er selber wurde verletzt, überlebte aber, nachdem er sich tagelang zwischen den Leichen versteckt hatte... Von den 120 Menschen, die seine Familie ausmachten leben noch 23, die meisten davon waren eh schon nach Uganda geflohen. Eine Schwester überlebte. Hier ein Bild der Kirche in Nyarubuye.



1959 eskalierte die Gewalt das erste Mal und damals sind die meisten der jetzt noch lebenden Verwandten von Alex nach Uganda geflohen, wo sie heute noch leben. in den 60ern flohen mehrere zehntausend Tutsi in die Nachbarländer und ca. 30.000 wurden getötet.In den 70ern eskalierte eine Welle der Vergeltung, nachdem im Nachbarstaat Burundi, seinerseits 100 -150.000 Hutu umgebracht wurden.
In den 90ern kamen immer extremistischere Parteien auf, die offen gegen Tutsis hetzten und in den Jahren 90-94 sind etwa 2000 Tutsis diesen von der Regierung tolerierten Gewaltausbrüchen zum Opfer gefallen. So gab es z.B. die "10 Gebote der Hutu", die u.a. folgende Gebote enthielten:

  1. „Jeder Bahutu muß wissen, daß die Batutsi-Frau überall für ihre Tutsi- Ethnie arbeitet. Daher ist jeder Bahutu ein Verräter, der eine Batutsi heiratet, der eine Batutsi zur Mätresse hat, der eine Batutsi als Sekretärin hat oder sie fördert.“
  2. "Jeder Muhutu muss wissen, dass unsere Mädchen Bahutukazi in ihrer Frauenrolle würdiger und gewissenhafter sind..."
  3. "Bahutukazi sind achtsam und bringen Ihre Männer, Brüder und Ihre Söhne auf den Grund zurück."
  4. "Jeder Muhutu muss wissen, dass jeder Mututsi in den Angelegenheiten unehrlich ist. Er zielt nur auf die Überlegenheit seiner Volksgruppe ab. Folglich ist jeder Muhutu, der Allianz macht mit Batutsi in seinen Angelegenheiten, verräterisch ; - ebenso wer sein Geld in ein Unternehmen der Mututsi investiert oder wer Geld von/an Mututsi leiht; -oder wer gewährt Batutsi der Gunstbezeigungen in Angelegenheiten wie etwa Bewilligung der Lizenzen; Einfuhr von den Bankdarlehen, von den Konstruktionsparzellen, vom Beschaffungswesen…
  5. "Die administrativen, wirtschaftlichen, militärischen Posten strategischen sind sehr politisch, und der Sicherheit halber müssen sie den Bahutu anvertraut werden."
  6. "Der Bereich; Unterricht (Schüler, Studenten, Lehrer), muss hutu mehrheitlich sein."
  7. "Die Kräfte ruandische Armeen müssen ausschließlich hutu sein. Kein Soldat darf Mututsikazi sein."
  8. "Bahutu müssen aufhören, Mitleid mit den Batutsi zu haben."
  9. "Bahutu, wo auch immer sie sind, müssen sich verbünden und sich mit ihren Brüdern solidarisieren. - Bahutu müssen permanent Freunde und Verbündete für die Sache der Hutu suchen,innerhalb und außerhalb Rwandas". - Sie müssen stetig die Propaganda der Tutsi durchkreuzen. - Bahutu müssen gegen ihren gemeinsamen Feind, die Tutsi, fest und achtsam sein.
  10. "Die soziale Revolution von 1959 die Volksabstimmung von 1961 und l' Ideologie hutu müssen an jedem Muhutu und auf allen Niveaus gelehrt werden. Jeder Muhutu muss diese Ideologie stark verbreiten. Verräterisch ist jeder Muhutu, der seinen Bruder Muhutu verfolgen wird, weil er diese Ideologie gelesen, verbreitet und gelehrt hat."

Als ich diese "10 Gebote! in der Gedenkstätte las, wurde mir doch anders. Wiederholt sich die Geschichte denn immerzu? Lernen wir Menschen denn nie dazu? Konnte die Welt einfach so ignorieren, was 50 Jahre vorher in Deutschland los war? Und wie verd***t nochmal konnten alle wegschauen? -So lang!?

Und dann fahre ich durch dieses wunderschöne Land und sehe die Bilder von blutroten Flüssen, und abertausenden von stinkenden und platzenden Kadavern und dazwischen Kinder und Verletzte und heute? Schöne Menschen, stolze Menschen, verstümmelte und gezeichnete Menschen und ungewöhlich nachdenklich und ernst. Dennoch die Hoffnung in sich tragend, dass es zumindest für ihre Kinder eine bessere Zukunft geben wird.

Lieber Leser, Du schimpfst? Auf die Hutus, diese Bösen? Du meinst, Du hättest es anders gemacht?
Auch unsere (deutsche) Geschichte weist dunkle Jahrzehnte auf und es ist wesentlich einfacher, über die bösen Nazis zu schimpfen, als sich vorzustellen in der Zeit gelebt zu haben.
Es gab (wenn auch wenige) Hutus, die Tutsi versteckt haben -unter Lebensgefahr. Allein, eine Tutsi zur Frau zu haben, bedeutete für einen Hutu den Tod... und wenn man in der Position ist, entweder sein eigenes oder das Leben eines anderen zu retten... -wer von uns kann sagen, wie er reagieren würde.
Es stimmt, dass der Ursprung bei den Weißen und im besonderen bei den holländischen Anthropologen lag, die (Ende des 19Jhdt. soweit ich weiß) dieses Land in verschiedene Ethnien einteilen wollten und dort (wie auch bei uns in D) eine herrschende Rasse festlegten. Es stimmt aber auch, dass erste Scharmützel bereits Ende der 50er losgingen und erneut Ende der 70er aufflammten und dann folgte 10 Jahre langsame Volkshetze (wie damals bei den Juden: kauft nicht bei den Tutsis, macht keine Geschäfte, heiratet nicht und stellt auch keine Tutsi-Frau als Maid ein...)

Du magst Recht haben, lieber Leser, gegen diese "böses Hutus" zu wettern und gegen Kofi Annan (und es war großer Mist, was damals nicht getan wurde, obwohl der leitende Kommandant der Friedenstruppe in Rwanda um Unterstützung gebeten hatte, und diese dann erst über einen Monat später kam), aber es brächte mehr, den Verbliebenen Achtung und Unterstützung und Solidarität entgegen zu bringen... Denn dieses Land und diese Leute haben einen bewundernswerten Lebenswillen (ganz im Gegensatz zu uns meckernden und uns selbst bemitleidenden und anderen die Schuld zuweisenden Deutschen...!)

Hier noch ein paar Bilder der Gedenkstätte in Kigali. Ganz unten sind die Massengräber, in denen die Überreste von etwa 220.000 Rwandesen liegen, darunter auch die Familie von Alexis Hakizimana...
Im Memorial durfte man leider ohne Sondergenehmigung nicht fotografieren doch hier der Link zum Kigali Memorial Center. Es war echt krass, dort lang zu gehen und wir waren über 3 Stunden dort... ein ander mal vielleicht auch darüber mehr.



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